Es gibt Menschen, denen die Verbindung zwischen Bondage und dem grossen Sammelsurium von hierarchiegesteuerten erotischen Praktiken auf den ersten Blick nicht deutlich ist. So musste auch ich zuerst stutzen, als ich in der Schweiz eine rege seilbegeisterte Gesellschaft vorfinden musste. Ich dachte “Ich muss wohl blind sein, aber eine Verbindung zwischen DS oder SM und Bondage sehe ich keine”. Fortan nahm ich mir vor, diese damals noch unverstandene Leidenschaft genüsslich zu dissen, es, die Mäner in die staubige Ecke der Verirrten schiebend, als “Fesselsex” zu bezeichnen. Die meisten konterten, einigen anderen ging es ins Mark, aber auf sich sitzen lassen, nein, das konnte keiner.
Mehrere Monate, Striemen und Blessuren später ist die Obsession fassbarer. Wobei sich diese Spielart als Baustein der Begegnung stark von anderen unterscheidet. Es verlangt nach einem anderen Top-Paradigma. Das ist auch der Punkt, an dem die Annäherung scheitern könnte, denn sich vom gewohnten System umgeben zu wissen, ist leichter… Federleicht.
Wagt man den Wechsel dennoch, dann versteht man, dass dieses nicht den Kosmos auf den Kopf stellt, sondern ihn durch einen neuen Impuls anreichert. Auch dieser Top ist überlegt, selbstsicher, aber ihm ist eine Eigenschaft eigen, welche den anderen Hingaben oft abgeht - eine fast schon meditative Zielgerichtetheit, mit welcher er sich durch den Schutzschirm zur Seele vorarbeitet. Wenn er arbeitet, lässt er sich Zeit, aber nicht die Hände vom einen und jeder Knoten atmet nach Nähe. Es zwingt auch einen selbst, Ruhe einkehren zu lassen. Er verbietet, die Stimme im Inneren durch äusseres Einwirken ersticken zu wollen, eher deutet er stumm “geb dich dir selbst hin, horch”. An dieser Stelle hat ein auf externe Impulse angewiesener Ereignisjunkie zu kämpfen. “Wie”, denkt er “soll ich der Stimme Freiheit lassen, wenn sie so laut in meiner Hülle tobt, dass ich davon beinahe taub werde?”. Angst, pure Angst sind die Tropfen Schweiss, die dem Rückgrat entlang zu Boden laufen.
Banal ist die Aussage, deswegen büsst sie aber noch lange nicht an Richtigkeit ein: Shibari kann man nicht beschreiben, bevor man nicht selbst den mal sanften, mal zerrenden Druck auf der Haut erlebt hat.
Feine Gedankengänge… Es fällt zwar teilweise schwer, zu folgen, aber deiner letzen Aussage kann ich nur zustimmen. Nur der der Shibari selbst erfahren hat, wird erkennen, welche Wirkung es haben kann.
Divus am 16. März, 2008