Wenn ich mich auf Stammtischen oder anderen Veranstalltungen rund um Bondage und Shibari so umschaue, dann geht es dort meist um technische Sachen. Dort kommen ziemlich schnell Fragen auf wie “Womit fesselst du?” oder “Wie machst du deinen Takate Kote?” . Was ich mit dem Fesseln verbinde, ist aber viel mehr ein Gefühl. Doch über Gefühle wird in den meisten Fällen nicht gesprochen. In diesen Artikel möchte ich einfach mal darlegen, was mir am Fesseln wirklich wichtig ist und welche Fragen man vielleicht auch mal stellen sollte.
Fesselstimmung erzeugen
Was ich mit diesem Punkt meine, ist im Prinzip ganz einfach. Es geht nicht darum, ein paar Kerzen anzumachen, die Vorhänge zu schließen und den Raum mit Räucherstäbchen zu füllen. Das sind alles Sachen, mit denen man die Stimmung unterstützen kann, doch meist hat man sie nicht immer dabei, wenn man Fesseln will.
Viel mehr ist es eine Stimmung, die du als aktiver Part aus dir heraus kommen lassen mußt. Ein geordnetes und ruhiges Auftreten, Selbstsicherheit und Ruhe im Gespräch sind dafür die Eintrittskarte. Vermittle, dass du weißt was du tust, denn nur so kann man dir für das was da kommen mag vertrauen.
Wenn du und dein “Fesselopfer” euch das erste mal seht und gleich zum Fesseln verabredet habt, dann tut ihr gut daran, erstmal zu reden. Dabei muss es nicht unbedingt ums Fesseln gehen. Nein, viel mehr geht es dabei um so menschliche Dinge, wie das einander kennenlernen. Wenn das vorab nicht passiert, fesselst du eine leere Hülle. Das ist mit Sicherheit nicht das, was du willst, denn dann hättest du auch bei den Möbelstücken als Übungsobjekte bleiben können.
Auf das Ropebunny eingehen
Wie alle Spielarten von BDSM so ist auch das Fesseln und Knüpfen eine Sache zwischen Menschen. Da reicht es nicht, wenn du dich als aktiver Part gut fühlst. Viel mehr steht es in deiner Verantwortung und auch in deinem Sinne, wenn du es zu einem Erlebnis für alle Beteiligten machst. Fühl dich also in dein Ropebunny ein! Beobachte sie oder ihn und lerne, die stetig gegebenen Zeichen zu deuten. Es ist wenig zuträglich, immer den direkten Weg der Kommunikation zu nehmen. Lerne die Körpersprache der Wehrlosigkeit, denn zum Sprechen sind die wenigsten Passiven bereit oder gar fähig. Meist setzt durch das Erlebnis des Fesselns eine Sprechblockade ein und der passive Part ist völlig auf Genuss eingestellt. Lerne damit umzugehen und lerne, trotzdem mit ihr oder mit ihm zu kommunizieren. Das können Berührungen sein oder aber Blicke, die sich während des Fesselns zufällig treffen. Gib ihr oder ihm das Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit, indem du dich um sie oder ihn kümmerst. Kontrolliere die Hände, indem du sie fest drückst, das schafft Sicherheit und Geborgenheit. Streichle über ihren oder seinen Körper, denn das schafft Nähe. Zieh sie oder ihn ganz fest an dich heran, umarm sie oder ihn oder streichle sie oder ihn. Es ist ein Zweiklang aus Geben und Nehmen, was euch in diesem Moment verbindet. So lässt du deine Macht wirken und du erntest das Vertrauen, dass du brauchst, um weiter gehen zu können.
Neben aller Körpersprache ist natürlich auch das gesprochene Wort hilfreich, dieses breite Basis des Vertrauens zu verstärken. Erkundige dich ab und an, ob alles ok ist, denn oftmals will der passive Part die Stimmung der Situation nicht durch reden durchbrechen. Tu du es! Aber tu es leise. Ein flüstern ins Ohr, ob alles ok ist und ein Nicken oder Murmeln als Antwort sollte genügen.
Fesseltechnik vergessen
Die Technik des Fesselns solltest dir schon bekannt sein, denn dadurch gibst du dir das Selbstvertrauen, um im Sinne dieses Artikels verzaubern zu können. Auch im Hinblick auf die Sicherheit solltest du schon wissen, was du da tust. Du solltest dich allerdings nicht in Details verlieren, denn es ist deinem Sub oder deinem Ropebunny völlig egal, ob du den Takate Kote linksherum oder rechtsherum fesselst. Sie oder er ist auf Genuss eingestellt und du tust gut daran, diesen Moment nicht durch immer wehrendes Lösen der Fesseln, weil du denkst, etwas falsch gemacht zu haben, zu unterbrechen. Es ist eine Balance zwischen Sicherheit und dem Moment des Augenblicks, den du wählen solltest. Wenn es verantwortbar ist, den Knoten vielleicht nicht richtig gebunden zu haben, dann lass ihn einfach so, denn es wird dir nicht nachgetragen werden. Was Sub jetzt möchte und was sicher auch dir am Herzen liegt, ist ein perfekter Augenblick und keine perfekte Bondage.
Den Geist fesseln
Ich hoffe, ich konnte in diesem kleinen Artikel ein wenig darlegen, was man bei aller Technik, Seilkunde und Sicherheit beim Fesseln nicht vergessen sollte. Ich hoffe, der eine oder andere Workshop-Veranstallter nimmt es auf und versucht vielleicht auch mal auf diese Dinge einzugehen, denn erst dann, hat man meiner Meinung nach, verstanden, worum es eigentlich geht. Es gehört vermittelt! Zum Abschluss möchte ich meinen Artikel mit einem geflügelten Wort beenden und hoffe, dass es sich in die Welt tragen wird.
Körper fesseln ist einfach. Den Geist zu fesseln ist Kunst.



Schön geschrieben und hunderprozentig richtig dargestellt! So sollte es zumindest sein.
Warum wird so viel über Technik gesprochen anstatt über Gefühle? Nun, ich denke, das liegt daran, dass es viele gibt, die zwar gerne fesseln möchten aber (noch) nicht die ausreichenden Kenntnisse dazu haben. Wie wir wissen, ist noch kein Rigger vom Himmel gefallen. Nur durch ständiges Praktizieren und Üben erlangt man irgendwann mal einen soliden Kenntnisstand, mit dem sich auch was anfangen lässt. Zu Ende lernt man auf diesem Gebiet ohnehin nie, dafür ist es einfach zu vielfältig.
Nur wenn alle Handgriffe, Knoten und Seilführungen in “Fleisch und Blut” übergegangen sind (und notfalls auch im Dunkeln beherrscht werden) kann man auch dazu übergehen, sich vollkommen auf das Verschnüren selbst und die Gestaltung des Bondage zu konzentrieren und die Technik (scheinbar) zu vergessen. Irgendwer schrieb mal – ich glaube, es war sogar eine Riggerin – sie würde vorher gar nicht gross planen, sondern einfach mal drauflos fesseln. Sie wäre selbst überrascht, welche Ideen sich dann ergäben. So etwas kann allerdings nur derjenige behaupten, der seine Kunst aus dem Effeff beherrscht …
spazio am 17. März, 2009